Berater sind die mit dem größten Handgepäck

Interview von CONSULTING.de und OSCAR.alumnus Jannick Giesen

Jannik Giesen war zu Studentenzeiten als Berater und schließlich als Geschäftsführer bei OSCAR tätig. Er profitiert von seinen Erfahrungen als studentischer Consultant bis heute, sieht aber einen klaren Unterschied zwischen seiner früheren und heutigen Tätigkeit.

CONSULTING.de: Welchen Weg legten Sie auf der Karriereleiter als studentischer Unternehmensberater zurück?

OSCAR.Alumni

Jannik Giesen: Insgesamt habe ich knapp zwei Jahre bei OSCAR gearbeitet. Anfang 2011, nach dem Bachelorabschluss, bin ich als Berater eingestiegen und habe in sechs Monaten zwei Projekte gemacht. Danach bekam ich die Chance, in die Geschäftsführung aufzurücken. Dort war ich dann rund 15 weitere Monate tätig.

CONSULTING.de: Wann reifte der Entschluss auch nach dem Studium als Berater tätig zu sein?

Jannik Giesen: Gar nicht, ehrlich gesagt. Ich bin nach meinem Abschluss offen an das Thema rangegangen und nur deshalb bei einer Beratung gelandet, weil mich das Gesamtpaket überzeugt hat. Der Status „Berater“ war für mich bei dieser Entscheidung kein Argument für den Job – eher im Gegenteil.

CONSULTING.de: Das müssen Sie jetzt etwas genauer erklären.

Jannik Giesen: Zugegeben, das Thema ist doch etwas komplexer als es klingt. Als ich Anfang 2013 bei OSCAR „raus“ war, blickte ich auf eine turbulente Zeit zurück. Ich war zuvor Geschäftsführer einer GmbH mit 60 Mitarbeitern, hatte unter anderem persönlich den Jahresabschluss und ein erfolgreiches TÜV-Audit verantwortet und über 20 Projekte akquiriert, geleitet und meist erfolgreich abgeschlossen. Genauso gab es aber auch dunkle Momente: Als Folge der internationalen Schuldenkrise geriet OSCAR 2012 in Turbulenzen. Als „Finanzchef“ war ich für die Liquiditätssicherung verantwortlich und verfasste heimlich Pläne, an welchen Stellen im Unternehmen notfalls kurzfristig Kosten gekürzt werden könnten. Dann kam es aber anders und OSCAR blickte in eine erfolgreiche Zukunft, als ich die Firma verließ. Ich war sehr erfahren für mein Alter, hatte ein starkes Vertrauen in meine Fähigkeiten und kannte meine Stärken und Schwächen oder „Veredelungspotenziale“, wie wir damals so schön sagten, genau.

Das klingt zwar ganz lässig, aber für all das habe ich einen hohen Preis bezahlt. Das Privatleben war über die Zeit in der Geschäftsführung stark eingeschränkt. Die wenige Freizeit ging dafür drauf, das Nötigste zu tun, um die Beziehung zu meiner Freundin, Freunden und zur Familie aufrechtzuerhalten. Zeit für mich hatte ich dadurch fast gar nicht. Deshalb machte ich nach der Zeit bei OSCAR einen harten Schnitt und arbeitete für zwei Monate als Volunteer im ecuadorianischen Amazonasgebiet. Dann ging ich für zwei Jahre zurück an die Uni. Als ich wieder anfing zu leben, Sport zu treiben und meine alten Interessen und Einstellungen wiederzuentdecken, merkte ich, wie sehr mich die Zeit in meiner Lebensqualität eingeschränkt hatte. Und mir war klar: Beratung unter diesen Bedingungen werde ich nicht noch einmal machen.

In den Jahren bis zum Abschluss hatte ich dann viel Zeit, um über meine Zukunft nachzudenken. Dazu nahm und nehme ich mir regelmäßige Auszeiten, umrundete zu Fuß Dänemark und lief dieses Jahr 1.700 km von Köln nach John O´Groats im Norden Schottlands. Auch in Zukunft habe ich vor, in meinem Leben Raum für Außergewöhnliches einzurichten.

In meinem jetzigen Job als Berater habe ich eine gesunde Kombination aus herausfordernder Tätigkeit, Weiterentwicklungschancen und Zeit für mein Privatleben. Ob ich das für ein paar Jahre machen möchte oder für immer, weiß ich nicht. Vorstellen kann ich mir beides.

Fleißarbeit und Denkleistungen

CONSULTING.de: Inwiefern unterscheidet sich Ihre Tätigkeit heute von der als studentischer Unternehmensberater?

Jannik Giesen: Als Berater habe ich mich damals genauso gefühlt wie heute auch. Dennoch gibt es drei Bereiche, in denen sich der Unterschied deutlich bemerkbar macht. Erstens ist das Angebotsspektrum bei studentischen Beratungen auf solche Themen beschränkt, die man auch ohne größeren persönlichen Erfahrungsschatz glaubwürdig verkaufen kann. Deshalb besteht die Hauptaufgabe typischerweise aus einer Mischung von Fleißarbeit und Denkleistungen, die lediglich gesunden Menschenverstand und eine frische Sicht auf die Dinge voraussetzen. Gerade in der Strategie- und Organisationsberatung reicht das allerdings nicht mehr. Bei weitreichenden und hoch in der Hierarchie angesiedelten Themen braucht es neben passendem Know-how und viel Erfahrung insbesondere auch die nötige Seniorität, um die entwickelten Ansätze glaubwürdig vermitteln zu können.

Zweitens spüre ich einen Unterschied in der Haltung des Kunden. Auch wenn man als studentischer Berater nicht umsonst arbeitet und der Kunde hohe Erwartungen an die Ergebnisse stellt, gibt es einen gewissen Spielraum für die persönliche Weiterentwicklung der Berater. Wenn noch mal etwas nachgeschärft oder abgestimmt werden muss, zeigt der Kunde häufig Verständnis. Mit dieser Nachsicht kann man in einer „normalen“ Beratung nicht rechnen.

Das hängt natürlich auch mit dem dritten Punkt zusammen, den Tagessätzen. Je höher die werden, desto mehr wird darauf geachtet, dass man die Kosten auch durch eine entsprechende Leistung rechtfertigt. Als günstigerer Student hat man diesbezüglich ein deutlich entspannteres Leben als im weiteren Berateralltag.

Die richtige Balance finden

CONSULTING.de: Sie waren auch Werkstudent bei PricewaterhouseCoopers, welche Erfahrungen sammelten Sie dort, gerade auch im Unterschied zur OSCAR-Tätigkeit?

Jannik Giesen: Ja genau, ich war neben dem Masterstudium etwa 15 Monate lang als Werkstudent im Business Consulting bei PwC tätig. Die größte Herausforderung für mich war, die Rolle als ehemaliger Geschäftsführer gegen den Praktikantenstatus einzutauschen. In der ersten Zeit fand ich es noch gut, nicht die Verantwortung zu tragen und deshalb auch nicht bis zum bitteren Ende an Unterlagen feilen zu müssen. Dann fiel es mir aber zunehmend schwer, meine Rolle als Hilfskraft zu akzeptieren. Auch die Rahmenbedingungen waren ganz anders als bei OSCAR zuvor. In einem so großen Unternehmen wie PwC gibt es teils sehr starre Prozesse und ein weniger persönliches Verhältnis über die Hierarchieebenen hinweg. Das stand im starken Kontrast zum flexibel gestaltbaren System bei OSCAR. Vielleicht ist es eine Frage der persönlichen Präferenzen, aber ich fühle mich in einem kleinen, agilen Unternehmen wohler und bin deutlich produktiver.

CONSULTING.de: Mit welchen Erwartungen sahen Sie sich als studentischer Unternehmensberater konfrontiert?

Jannik Giesen: Im Kern haben alle studentischen Unternehmensberatungen einen Zielkonflikt als gemeinsame Herausforderung. Zum einen erwarten Kunden von studentischen Beratern, dass diese innovativ, erfrischend und unkonventionell daherkommen. Studentische Berater selbst kämpfen aber immer darum, als etabliert und vertrauenswürdig wahrgenommen zu werden. Hier die richtige Balance zu finden, ist nicht einfach. Zu meiner Zeit bei OSCAR wurde uns häufig gespiegelt, dass wir „zu professionell“ aufgetreten sind. Wir haben das damals als Kompliment aufgefasst, auf der persönlichen Entwicklungsebene war das sicher auch eine vertretbare Interpretation. Aber aus Unternehmenssicht wäre es vielleicht ab und zu besser gewesen, mal auf Schlips und BMW zu verzichten.

Im Übergang zwischen studentischem und echtem Beraterleben sehe ich das Problem, dass studentische Berater oft glauben, ihr Alltag entspreche dem tatsächlichen Leben eines Beraters. Trotz Vollzeitmodell und einem hohen Anspruch an die Projektthemen waren bei OSCAR damals viele Berater sehr zeitig im Feierabend. Diese Erfahrung sollte man besser nicht als einzige Referenz verwenden, wenn es um die Entscheidung für oder gegen einen Job im Consulting geht. Das gilt umso mehr für Modelle studentischer Beratungen, wo Projekte neben dem Studienalltag und unter Anleitung eines Professors bearbeitet werden.

Wovon ich auf jeden Fall bis heute aus meiner Zeit bei OSCAR profitiere, ist der Verlust des natürlichen Respekts vor deutlich älteren und hochrangigen Gegenübern. Durch mehr als 100 Akquisetermine und Gesprächen auf Augenhöhe mit oft mehr als doppelt so alten Führungskräften – vom Mittelständler bis zum Großkonzern – bringen mich Alter und Position des Gegenübers heute nicht mehr aus der Ruhe.

Vorurteile und Klischees

CONSULTING.de: Wie erklären Sie im privaten Umfeld Ihre Tätigkeit?

Jannik Giesen: Wenn jemand aus echtem Interesse fragt, bin ich da ganz offen. Ich erzähle, dass ich Berater bin, für welche Firma ich arbeite und wo mein fachlicher Fokus liegt. Natürlich gibt es dann Leute, die sofort die üblichen Vorurteile bemühen, aber genauso auch solche, die sich darunter gar nichts vorstellen können. Meistens lassen sich die Vorurteile schnell ausräumen. Grundsätzlich ist der Beruf in der Freizeit aber kein besonders interessantes Gesprächsthema.

CONSULTING.de: Stimmen denn all die Berater-Klischees?

Jannik Giesen: Klar, Berater sind selbstbezogen, überheblich, ausschließlich monetär getrieben, skrupellos, elitär und unsympathisch. Na ja, am Ende sind auch Berater Menschen, die sich aus verschiedensten Gründen für einen spannenden und nicht nur monetär lukrativen Job entschieden haben. Ausschließen würde ich aber trotzdem nicht, dass in der Außenwirkung mancher Berater das Klischee erfüllt.

CONSULTING.de: Welchen Spielfilm empfehlen Sie anderen Beratern?

Jannik Giesen: Gerade in einer arbeitsintensiven Branche wie der Beratung ist es sehr wichtig, private Interessen nicht zu vernachlässigen. Neben ausreichend Schlaf, halbwegs ausgewogener Ernährung, Sport und regelmäßigem Kontakt ins private Umfeld sollte da hin und wieder auch Zeit für einen guten Film drin sein. Wie bei allem anderen sollten Berater auch hier darauf achten, sich nicht in ein Rollenprofil aus Klischees zwängen zu lassen. Deshalb ist meine klare Empfehlung, sich bei der Wahl des Films ganz von den eigenen Interessen leiten zu lassen.

CONSULTING.de: Woran erkennen Sie am Flughafen andere Berater?

Jannik Giesen: Ich sollte wohl besser damit anfangen, woran ich sie nicht erkenne. Berater reisen viel und sind deshalb entsprechend routiniert. Jeder kennt diese exhibitionistisch geprägten Geschäftsleute, die am Gate laut telefonieren, schnell noch auf dem Laptop ihre Mails checken und verzweifelt zur Schau stellen, wie wichtig sie sind. Spätestens in der dritten Woche würden die merken, dass das keiner besonders toll findet. Solche Leute müssen zwar irgendetwas kompensieren, Vielreisende – und damit Berater – sind sie aber sicher nicht. Für alle, die es wirklich interessiert: Berater sind oft die mit dem größten Handgepäck.

CONSULTING.de: Wie beeinflusst beruflicher Stress Ihre Musikauswahl, wenn Sie zum Beispiel auf längeren Autofahrten einmal etwas mehr Zeit zum Nachdenken haben?

Jannik Giesen: In meiner privaten Gefühlswelt habe ich keinen Platz für Dinge wie den aktuellen Projektstatus. Ich trenne Berufliches klar von Privatem und bin nur so in der Lage, nachts und am Wochenende die Batterien aufzuladen. Deshalb haben berufliche Probleme oder Erfolge auch keinen Einfluss auf meine Musikpräferenz. Bei längeren Autofahrten bevorzuge ich Hörbücher, um mir die Zeit zu vertreiben.

Link:http://www.consulting.de/hintergruende/themendossiers/studentische-unternehmensberatung/einzelansicht/berater-sind-die-mit-dem-groessten-handgepaeck/

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